SENSORIK

Das Sommelier-Ritual

Öl aus dem Glas verkosten, so wie es professionell gemacht wird - vier Schritte, die du nach einmal Üben beherrschst.

Kurz gesagt

Beim Sommelier-Ritual verkostest du Öl pur aus einem kleinen Glas: in der Hand wärmen, abgedeckt riechen, einen kleinen Schluck nehmen und mit dem Öl im Mund Luft ziehen. So schmeckst du das Öl ohne Brot und ohne Ablenkung.

Warum überhaupt ein Ritual

Bei der Brotprobe schmeckst du das Öl zusammen mit dem Brot. Das reicht für den Alltag und für die Frage, ob dir ein Öl liegt.

Wer genauer hinschauen will, nimmt das Brot weg. Dann bleibt nur das Öl - und es zeigt Dinge, die vorher untergegangen sind. Das ist die Methode, mit der auch professionell verkostet wird.

Was du brauchst

Ein kleines Glas mit Bauch, das sich in der Hand halten lässt - ein Schnaps- oder Eierbecherglas tut es. Zimmerwarmes Öl, etwa ein Esslöffel. Eine Hand zum Abdecken. Ein Glas Wasser und ein Stück Apfel oder Brot für die Pause zwischen zwei Ölen.

Profis verwenden blaue Gläser, damit die Farbe das Urteil nicht beeinflusst. Zu Hause genügt es, das Glas nicht anzuschauen, bevor du gerochen hast.

Die vier Schritte

1 · Wärmen. Glas in die hohle Hand nehmen, die andere Hand als Deckel darüber, etwa eine halbe Minute kreisen lassen. Die Handwärme löst die Aromen.

2 · Riechen. Hand kurz abheben und in einem Zug einatmen. Der erste Eindruck zählt - danach gewöhnt sich die Nase.

3 · Schmecken. Einen kleinen Schluck nehmen und im Mund verteilen, über die Zunge und an die Zahnreihen.

4 · Luft ziehen. Mit dem Öl im Mund kurz durch die leicht geöffneten Lippen einatmen. Das klingt albern und ist der entscheidende Schritt: Die Aromen steigen in die Nase, und erst dann schmeckst du das ganze Öl.

Worauf du achtest

Frucht. Wonach riecht es - nach der Saat, nach Nuss, nach Gras, nach gar nichts?

Antritt und Verlauf. Kommt der Geschmack sofort oder baut er sich auf?

Das Kratzen im Hals. Ein leichtes Kratzen beim Schlucken ist bei manchen Ölen normal und kein Fehler - es gehört bei frischen Ölen sogar zum Bild.

Der Nachklang. Was bleibt, nachdem du geschluckt hast, und wie lange?

Zwischen zwei Ölen

Ein Schluck Wasser, ein Stück Apfel oder Brot, eine halbe Minute Pause. Ohne Pause vergleichst du das zweite Öl mit dem Rest des ersten im Mund.

Mehr als drei Öle hintereinander bringen nichts. Danach lässt die Wahrnehmung nach, egal wie geübt jemand ist.

Wann sich das lohnt

Beim Öffnen einer neuen Flasche, wenn du wissen willst, wie das Öl frisch schmeckt. Beim Vergleich zweier Sorten, zwischen denen du dich nicht entscheiden kannst. Und wenn du prüfen willst, ob ein länger offenes Öl noch in Ordnung ist.

Für den Alltag reicht die Brotprobe. Dieses Ritual ist die Lupe, nicht die Regel.

Der albernste Schritt ist der wichtigste: Luft ziehen.

AUF EINEN BLICK

Fünf Punkte zum Ritual

Keine Ausrüstung außer einem kleinen Glas.

  • Kleines Glas statt Brot - so schmeckst du nur das Öl.

  • In der Hand wärmen, abgedeckt, etwa eine halbe Minute.

  • Luft mitziehen - der Schritt, der den Unterschied macht.

  • Kratzen im Hals ist kein Fehler, sondern bei frischen Ölen normal.

  • Maximal drei Öle, mit Pause und Wasser dazwischen.

ZUM AUSPROBIEREN

Drei Öle für einen Durchgang

In dieser Reihenfolge probiert, zeigt sich der Unterschied am deutlichsten.

HÄUFIGE FRAGEN

Was oft gefragt wird

Brauche ich dafür ein spezielles Glas?

Nein. Ein kleines Glas mit Bauch reicht, das sich in der Hand halten lässt. Profis nehmen blaue Gläser, damit die Farbe nicht beeinflusst - zu Hause genügt es, erst zu riechen und dann hinzuschauen.

Warum soll ich beim Schmecken Luft ziehen?

Weil ein großer Teil des Geschmacks über die Nase wahrgenommen wird. Mit Luft steigen die Aromen aus dem Mund nach oben - ohne diesen Schritt fehlt die Hälfte.

Mein Hals kratzt danach - stimmt etwas nicht?

Nein, das kommt bei frischen Ölen vor und ist kein Zeichen für einen Fehler. Wenn dich das stört, nimm weniger oder greif zur Brotprobe.

Wie unterscheidet sich das von der Brotprobe?

Die Brotprobe ist schneller und alltagstauglich. Das Ritual im Glas zeigt mehr, weil nichts vom Öl ablenkt - dafür dauert es länger und ist gewöhnungsbedürftig.

Wie viel Öl nehme ich?

Etwa einen Esslöffel ins Glas, davon einen kleinen Schluck in den Mund. Mehr überfordert eher, als dass es hilft.

Kann ich damit erkennen, ob ein Öl verdorben ist?

Ja, und zwar früher als über Brot. Kratzig, nach alten Nüssen oder nach Farbe riechendes Öl fällt im Glas sofort auf.